Die Compliance-Funktion in Unternehmen steht vor einem Wendepunkt. Jahrzehntelang war die Beschaffung externer Softwarelösungen der Standard: GRC-Plattformen, Contract-Lifecycle-Management-Systeme, Whistleblower-Tools — sie alle wurden eingekauft, konfiguriert und in die bestehende IT-Landschaft integriert. Dieser Ansatz war nachvollziehbar in einer Welt, in der Softwareentwicklung teuer, langwierig und hochspezialisiert war.
Diese Welt existiert nicht mehr.
Die Verfügbarkeit leistungsfähiger Foundation Models (GPT-4, Claude, Llama, Mistral), kombiniert mit Low-Code-Plattformen und modularen API-Architekturen, hat die Eintrittsbarriere für die Entwicklung eigener Anwendungen dramatisch gesenkt. Was früher ein zwölfmonatiges IT-Projekt mit sechsstelligem Budget war, kann heute von einem interdisziplinären Team aus Legal, Compliance und IT in wenigen Wochen als funktionsfähiger Prototyp realisiert werden.
Warum Build statt Buy?
Passgenaue Governance: Externe Standardlösungen bilden generische Compliance-Anforderungen ab. Die spezifischen Policies, Risikomatrizen und Eskalationswege eines Unternehmens lassen sich jedoch häufig nicht ohne erheblichen Anpassungsaufwand integrieren. Intern entwickelte Anwendungen können von Beginn an auf die eigene Governance-Architektur zugeschnitten werden.
Datensouveränität: Gerade in regulierten Branchen und unter der DSGVO ist die Frage, wo Daten verarbeitet werden, nicht verhandelbar. Interne KI-Lösungen, die auf eigener Infrastruktur oder in einer kontrollierten Cloud-Umgebung laufen, bieten hier strukturelle Vorteile gegenüber SaaS-Modellen mit undurchsichtiger Datenverarbeitung.
Geschwindigkeit: Die Regulatory-Landschaft verändert sich schneller als die Release-Zyklen externer Anbieter. Wer von einem SaaS-Vendor abhängt, wartet auf das nächste Feature-Update. Wer intern baut, kann innerhalb von Tagen auf neue regulatorische Anforderungen reagieren.
Praxisbeispiel: Im Bereich Datenschutz bei Volkswagen AG wurden bereits drei KI-basierte Eigenentwicklungen produktiv eingesetzt: ein Privacy-Chatbot für Mitarbeiteranfragen, ein automatisiertes Dokumentationssystem und ein KI-gestütztes Tool für die Vertragsprüfung. Die Entwicklungszeit: Wochen, nicht Monate. Die Anpassung an interne Policies: sofort, nicht nach dem nächsten Vendor-Update.
Die Voraussetzungen
Build statt Buy ist kein Freifahrtschein für unkontrollierte Eigenentwicklung. Vielmehr erfordert es eine klare Governance für die KI-Entwicklung selbst: standardisierte Entwicklungsprozesse, Qualitätssicherung, Bias-Prüfung, Dokumentation und eine klare Zuordnung von Verantwortlichkeiten. Der EU AI Act verlangt dies ohnehin — unabhängig davon, ob ein KI-System eingekauft oder intern entwickelt wurde.
Das bedeutet: Die Fähigkeit, Compliance-Anwendungen selbst zu bauen, wird zur Kernkompetenz moderner Rechts- und Compliance-Abteilungen. Nicht als Ersatz für IT, sondern als strategische Erweiterung des eigenen Kompetenzprofils.